Im Wechselbad der Gefühle
Bei der deutschen Faustball-Meisterschaft in Bardowick liefern die Mannschaften des TSV Calw starke Leistungen ab. Ihre Wünsche erfüllten sich leider nicht.
Nordischer Sommer herrschte am Wochenende in der Lüneburger Heide und hielt für die besten Faustball-Mannschaften Deutschlands so ziemlich alles bereit: heftige Regenschauer, Donnergrollen, kühle Windböen, Sonnenschein… So abwechslungsreich wie das Wetter am schmucken Center Court des TSV Bardowick war, so wechselhaft blieb die Stimmungslage bei den Calwer Bundesliga-Mannschaften, die sich beide für das Saison-Highlight qualifiziert hatten. Unsere Löwinnen unterlagen in der Qualifikationsrunde, die Männer blieben nach drei bravourösen Vorstellungen ebenfalls ohne Medaille, verließen den Platz aber erhobenen Hauptes.
Qualifikation Frauen, TSV Calw – TV Brettorf 1:3 (12:14, 8:11, 11:8, 10:12)
Das Turnier wurde am Samstagvormittag durch die Calwer Frauen eröffnet, die sich als Zweite der Bundesliga-Südstaffel mit dem Nord-Dritten messen mussten, um ihr Ziel Halbfinaleinzug zu erreichen. Aber was für ein Lauf beim TV Brettorf: Mit einem tollen Bundesliga-Endspurt noch für den Titelkampf qualifiziert, rückten die Niedersächsinnen gegen das Team von Trainer Rolf Schlotter in die Vorschlussrunde ein, weil ihre Abwehr schneller auf Touren kam und flink auf den Beinen war.
Zunächst entwickelte sich ein reines Angabenspiel. Fenja Stallecker und ihre Brettorfer Gegenüber Melanie Steenken duellierten sich mit starken Services. Calw gelang auf dem feuchten Rasen das erste „Mini-Break“ (8:6) und hatte kurz darauf Satzball. Aber es gelang nicht, den Sack zuzumachen. Brettorf gab Gas, das Spiel nahm plötzlich Fahrt auf mit rassigen Ballwechseln. Calw glich auf 12:12 aus, dann gelangen Pia Neuefeind auf der anderen Seite die „big points“. Die Hesse-Städterinnen reagierten geschockt. Die Abwehr verkrampfte, Zuspiele kamen unsauber. Schlotter wechselte Nadine Maisenbacher in die Mitte ein. Zwar schafften Henriette Schell & Co. den Anschluss auf 7:8, doch die unbeschwert aufgeigenden TVB-Frauen setzten sich erneut durch. 0:2, eine Hypothek für die ambitionierten Löwinnen, die dann aber ihr Leistungsvermögen aufblitzen ließen. 9:7 lagen die Schwäbinnen vorn, Brettorf verkürzte und zum ungünstigsten Zeitpunkt wurde der sonst zuverlässig und stark servierenden TSV-Schlagfrau Fenja Stallecker Übertritt abgepfiffen. Sie blieb jedoch nervenstark und ihr Team verkürzte auf 1:2 Sätze. Das Spiel kippte trotzdem nicht mehr, weil Brettorf sich nicht abschütteln ließ und Calw erneut einen Satzball liegen ließ. Ein bitteres Aus für den TSV durch zwei in der Verlängerung verlorene Sätze. Fenja Stallecker und Nadine Maisenbacher konnten überzeugen. Kapitänin Leonie Pfrommer selbstkritisch: „Wir waren zu verhalten, kamen überhaupt nicht in einen Spielfluss und konnten unsere Chancen zum Satzgewinn nicht verwerten. So kann man nicht gewinnen.“
Frauen, Platz 5 für den TSV Calw: Fenja Stallecker, Henriette Schell, Samantha Lubik, Nadine Maisenbacher, Leonie Pfrommer, Patricia Lebherz, Adina Stoll, Mirjam Brassat.
Ergebnis Frauen: 1. Ahlhorner SV, 2. TSV Dennach, 3. TV Jahn Schneverdingen, 4. TV Brettorf, 5. TSV Calw und TSV Pfungstadt.
Qualifikation Männer, SV Moslesfehn – TSV Calw 2:3 (7:11, 11:8, 11:9, 9:11, 13:15)
Was für ein Krimi, der das Publikum im wahrsten Sinne von den Sitzen riss! Das Duell mit dem Team aus dem Landkreis Oldenburg bot alles, was modernen, hochklassigen Männer-Faustball ausmacht. Auch hier stand den Calwern ein Team gegenüber, das sich spät qualifizierte und in der komfortablen Außenseiterrolle befreit aufgeigte. Aber nach fünf hochklassigen Sätzen hatten die Calwer Löwen mit Nervenstärke und Kampfkraft das Glück auf ihre Seite gezwungen.
Satz 1 ging nach wechselnden Führungen bis zum 7:7 mit vier Punkten in Serie an Calw. Moslesfehn antwortete furios, führte im zweiten Satz 4:0 und glich mit einer tollen Diagonalangabe aus. Auch danach blieben die „Mossis“ dran und bei 9:9-Stand stach der über zwei Meter große SVM-Schlagmann Florian Würdemann zweimal aus dem Rückschlag zu – 1:2 aus Calwer Sicht. Die euphorisch angefeuerten Norddeutschen blieben auch im vierten Satz unbequem. Das von den Angreifern Raphael Schlattinger und Markus Kraut angeführte Calwer Team aber hielt dagegen und setzte sich durch. Der Entscheidungssatz hatte es richtig in sich: Moslesfehn zog auf 2:5 und später 7:10 davon. Drei Matchbälle, die Partie schien gelaufen. Doch einmal mehr zeigte Calw Comeback-Qualität und egalisierte den Rückstand mit sensationellen Ballstafetten. Ausgerechnet in der heißen Phase der Verlängerung wurde Raphael Schlattinger wegen Übertritt zurückgepfiffen, Calw musste zwei weitere Matchbälle abwehren. Bei 13:13 schlug die Stunde von Markus Kraut, der mit zwei fantastischen Rückschlägen seine Mannschaft ins Halbfinale rettete.
Halbfinale Männer, TV Brettorf – TSV Calw 3:1 (11:8, 7:11, 11:9, 11:8)
Der Fünfsatz-Krimi zuvor hatte Körner gekostet. Doch gegen den TV Brettorf, der als Erster im Bundesliga-Norden erst jetzt ins Turnier eingreifen musste, präsentierten sich die Calwer Löwen bissig. Erneut bekamen die Zuschauer hochklassigen Sport zu sehen. Zunächst mussten die Angreifer beider Seiten ihre Visiere einstellen: zahlreiche Fehler führten zu einem 1:1 nach zwei Sätzen. Dann schafften es die Brettorfer, ihren Weltklasse-Schlagmann Johannes Jungclaussen, der vor der Saison aus Vaihingen/Enz kam, in Szene zu setzen. Brettorf führte 6:3, aber Calw bewies Nehmerqualitäten. Bei 9:9 war alles offen und bei Satzball Brettorf musste Raphael Schlattinger alles riskieren. Sein Ball flog knapp ins Aus. Auch der vierte Satz blieb dramatisch. Jungclaussen und Hauke Rykena punkteten nach Top-Vorlagen. Calw konterte, Schlattinger und Kraut glichen immer wieder aus, lagen sogar kurz vorn. Doch Brettorf hatte letztlich mehr Reserven im Tank und zog ins Endspiel ein.
Am Sonntag ging es um die Platzierungen. Zunächst die Spiele um Platz 3, dann die Endspiele.
Platz 3/4 Männer, TSV Hagen 1860 – TSV Calw 3:2 (4:11, 11:3, 11:6, 6:11, 11:7)
Gegen den letztjährigen Meister, der mit Philip Hofmann, Neuzugang Timon Lützow (Berliner TS, beide am Schlag), Kevin Schmalbach (Mitte) und Ole Schachtsiek (Abwehr) gleich vier Nationalspieler aufbietet und im Vorjahr das Kunststück schaffte, Serienmeister TSV Pfungstadt (14 Titel seit 2010) zu entthronen, ging Calw als Underdog ins „kleine Finale“. Hagen hatte zuvor gegen einen überragenden TSV Pfungstadt 1:3 verloren und wünschte sich für das Bronze-Duell gegen Calw vor allem eines: Regen, wie einst die deutsche Fußball-Nationalmannschaft 1954 in Bern. Und der Wettergott sollte sich später tatsächlich als Hagen-Fan outen…
Zunächst, auf trockenem Geläuf, drehte Calw furios auf und es gelang fast alles. Hagen fand kein Mittel. Auch Satz 2 wurde deutlich dominiert – diesmal von Hagen. Der eingewechselte Stefan Bösch brachte frischen Wind, im Angriff punkteten Hofmann und Allrounder Schachtsiek. Calw kam nicht mehr aus der Angabe, das Duo Schlattinger/Kraut wurde in riskante Angriffe gezwungen, die Fehler häuften sich und die Westfalen glichen zum 1:1 aus. Der dritte Durchgang begann mit Vorteilen für Calw, ehe Hagen mit vier Bällen in Folge zum 2:1 ausbaute. Sollte Satz 4 die Entscheidung bringen? Hagen startete mit zwei Angriffsfehlern und nach einem sehenswerten Diagonalschlag von Schlattinger lag Calw vorn, brachte den Satz locker durch und erzwang den Entscheidungssatz.
Pünktlich zur ersten Angabe setzte ein Wolkenbruch ein – wie gemacht für Hagens Abwehr. Beide Seiten lieferten sich einen packenden Schlagabtausch und spektakuläre Aktionen. Bei 6:5 für Hagen wurde letztmals die Seite gewechselt, dann brillierten die Gelbschwarzen mit genauem Zuspiel und wuchtigen Rückschlägen. Ein Diagonal- und ein Kurzball Philip Hofmanns brachten die Entscheidung. Im bärenstarken Calwer Team verdienten sich alle Akteure Bestnoten, Hauptangreifer Raphael Schlattinger und Leandro Schmidberger in der Abwehr sogar „mit Sternchen“.
Männer, Platz 4 für den TSV Calw: Raphael Schlattinger, Markus Kraut, Nick Stoll, Philipp Kübler, Leandro Schmidberger, Marco Stoll.
Ergebnis Männer: 1. TSV Pfungstadt, 2. TV Brettorf, 3. TSV Hagen 1860, 4. TSV Calw, 5. SV Moslesfehn und TV Stammheim.